Wolle

Ich bin ein selbstständiges Schaf.

Ich durfte schon als kleines Lamm  allein im Kindergarten auf meine Abholung warten.
Hab meine Heimat selbst erkundet und dem gruseligen Opa von über uns die Einkäufe hochgebracht.

Auch heute gehe/fahre ich selbstbewusst durch’s Leben. Bringe die nötige Renitenz mit, wenn es zu Ärzten oder Behörden geht.

Aber ich bin eben auch ein Herdenschaf.
Wenn alle rennen, renn‘ ich mit, bevor ich weiss, wohin es genau geht.
Der sprichwörtliche Weg als Ziel.

Ab und an müssen die Locken ab. Auch bei mir. Also brav der Herde zum Scheren folgen.

Ich hab mich scheren lassen.
Freiwillig.
Ich hab sogar dafür gezahlt.

Dabei wusste ich schon beim ersten Scherengeräusch: Das geht nicht gut!
Das wird zu kurz. Und schief. Und überhaupt.
Innerlich!
Äusserlich hab ich gelächelt und auch noch Trinkgeld gegeben, ich kahles Schaf!

Wenn ich geschoren werde, gilt der erste Schnitt regelmässig meinem Selbstbewusstsein und der zweite meiner Würde… *Kopfschüttel*

Diesmal hab ich wohl durch den Verlust meiner Wolle auch meine  Standhaftigkeit eingebüsst.

Mit schiefem Schopf steht es sich wohl schiefer am Deich als eh‘ schon.

Dazu muss ich kurz erwähnen, dass meine Synapsen Autisten sind.
Wenn etwas anders ist als immer, herrscht Chaos und Verweigerung.
Ein winziger Kiesel auf dem Boden reicht, um mich um zu nieten.

Und dann lieg ich da. Muss den Stadtmenschen erklären, dass ein kräftiger Griff in meine Wolle vonnöten ist, um mich wieder in die Senkrechte zu bringen…WENN meine Wolle denn noch da wäre…
Dann bin ich froh, wenn mir Menschen aus meinem Dorf begegnen, die mir aufhelfen!

Stadtmenschen, habt keine Angst vor mir!

Ich bin auch nur eine Spezies unter vielen, und genetisch sind wir doch alle so gut wie baugleich!

Ich habe beschlossen, mir viel Zeit zu lassen, bevor ich wieder Wolle abgebe.
Wird ein warmer Sommer.

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